Sammlung Refaiya

Die Refaiya-Bibliothek

Zum Bestand der ca. 3200 orientalischen Handschriften der Universitätsbibliothek Leipzig gehört auch die sogenannte "Refaiya" (Rifāʿīya), die Privatbibliothek Familie Rifāʿī aus Damaskus. Diese Bibliothek wurde bis ins 19. Jahrhundert über mehrere Jahrhunderte hinweg gepflegt und innerhalb der Familie weitervererbt. Es handelt sich dabei um ein wohl einmaliges Beispiel einer geschlossenen, traditionellen arabisch-islamischen Familienbibliothek. Durch den Ankauf durch den preußischen Konsul und Arabisten Johann Gottfried Wetzstein von ihrem letzten Besitzer, ʿUmar Efendi ar-Rifāʿī al-Ḥamawī, im Jahre 1853 konnte sie unversehrt im historischen Bestand gesichert werden.

Die Refaiya-Bibliothek umfasst 488 Handschriftenbände, darunter 89 Sammelhandschriften. Im Laufe des Erwerbungsprozesses wurden einige der Refaiya-Handschriften aussortiert, einige der Sammlung hinzugefügt, so dass die zunächst in Leipzig unter der Signatur D.C. erfassten 432 Bände von 1853 bis 1855 auf 488 erweitert wurden. Die Manuskripte liegen größtenteils als sorgfältig geschriebene und gut benutzbare Exemplare vor. Sie sind mit orientalischen Ledereinbänden bzw. Einbänden mit Deckeln aus Pappe, Buntpapier sowie marmoriertem Papier versehen. Unter ihnen befinden sich auch 16 wertvoll verzierte und illuminierte Bücher sowie, laut dem Orientalisten Fleischer, zwölf vermutliche Autographen. Bezüglich des Inhalts der Werke hob Fleischer zurecht als bemerkenswert hervor, dass die in nahöstlichen Moschee- und Madrasa-Bibliotheken ubiquitären koran- und religionswissenschaftlichen Werke, Kommentare und Metakommentare in dieser privaten Bibliothek "in angemessenen Schranken" gehalten sind und dass die spezifische Zusammensetzung der Sammlung einen offensichtlich "planmässig(en)" Charakter habe (Vgl. Fleischer, Heinrich Leberecht: Die Refaiya. In: ZDMG 8 , 1854, 573-588, S. 575). Tatsächlich bildet die Refaiya einen Querschnitt durch die Vielzahl traditioneller islamischer Wissensgebiete mit einem vergleichsweise hohen Anteil an Büchern zur Poesie (44 Exemplare) und Mystik (41 Exemplare). Auch andere Genres, die in öffentlichen islamischen Handschriftenbibliotheken eher selten bzw. gar nicht zu finden sind − wie historiographische Werke, Biographien, belles lettres / Adab-Literatur, Reiseberichte, Jagdliteratur, Naturwissenschaften und nicht zuletzt Erotik − sind mit jeweils mehreren Exemplaren vertreten.

Die älteste, wissenschaftlich äußerst wertvolle Handschrift (Signatur: Vollers Nr. 505) ist eine Sammelhandschrift, die drei Werke umfasst. Zwei davon sind auf das Jahr 990 AD (380 h.) datiert und enthalten die Diwane (Gedichtsammlungen) der Dichter Abū Ṭālib ʿAbd al-Manāf (Signatur: Vollers 505-1) und Abu 'l-Aswad ad-Duʾalī (Signatur: Vollers 505-2). Das dritte Werk, der Diwan von Suḥaim ʿAbd Bani 'l-Ḥasḥās (Signatur: Vollers 505-3), ist unvollständig und nicht datiert, kann aber mit größter Wahrscheinlichkeit demselben Zeitraum zugeordnet werden, zumal alle drei Werke von demselben Kopisten geschrieben wurden. Die jüngste datierte Handschrift stammt aus dem Jahr 1262/1846 (Signatur: Vollers 758). Daneben beherbergt die Refaiya-Bibliothek Handschriften aus allen Jahrhunderten, mit einem leichten Schwerpunkt auf dem 17.-18. Jahrhundert.

Auffallend ist die Vielzahl der sekundären Eintragungen, wie Besitzer- und Lesevermerke, in nahezu allen Handschriften. Sie geben beredt Zeugnis von der aktiven Nutzung der Bibliothek. Die Fülle dieser über den eigentlichen Text hinausweisenden Marginalnotizen lässt darauf schließen, dass die Bibliothek in den Jahrhunderten ihrer Existenz ein Ort intensiver geistiger Auseinandersetzung im Umfeld der Familie Rifāʿī sowie anderer Vorbesitzer war.

Als kulturelles Archiv einer islamischen Gelehrten-, Wissens- und Buchtradition, die in der Epoche ihres Verkaufs unterging, trägt die Refaiya Spuren ihrer Geschichte, der Geschichte ihrer Besitzer und Nutzer. Sie gibt somit Antworten auf historische, kulturwissenschaftliche und überlieferungsgeschichtliche Fragestellungen. Materiell gut erhalten und inhaltlich offenbar nach individuellen Vorlieben zusammengestellt, eröffnet die historisch gewachsene Sammlung der Refaiya einen Einblick in die geistigen und kulturellen Interessen ihrer Besitzer in den Phasen vor Beginn der frühen Modernisierung, deren Auswirkungen schließlich alle Sektoren des öffentlichen und privaten Lebens so radikal verändern sollten, dass sie auch selbst ihren Wert und Nutzen als Handschriftenbibliothek verlor.

Datenbankgestützte Erfassung, Erforschung und digitale Präsentation der Refaiya (2008 - 2013)

Von 2008 bis 2013 stand die Refaiya im Zentrum eines DFG-geförderten Projektes, im Rahmen dessen die datenbankgestützte Erschließung und digitale Präsentation der Bibliothek sowie ihre wissenschaftliche Erforschung erfolgte. Übergreifendes Ziel des Projekts war es, die Refaiya in Beziehung zum historisch-kulturellen Umfeld, dem sie entstammt und in dem ihr Funktion und Bedeutung zu eigen waren, zu erfassen und zu untersuchen.

Ziel der historischen Forschungsperspektive war es, die Geschichte einer vormodernen, über mehrere Generationen hinweg tradierten arabisch-islamischen Privatbibliothek zu rekonstruieren und in familienhistorischen sowie in sozialen, kulturellen und politischen Zusammenhängen der osmanischen Geschichte Syriens zu verankern. Die dreisprachige Eingabe der Beschreibungsdaten (Deutsch, Englisch und Arabisch) und die Digitalisierung ermöglichten die Online-Präsentation der Damaszener Familienbibliothek und haben die Handschriften international − und somit auch wieder in der islamisch geprägten Welt − für die weitere Erforschung zugänglich gemacht.

Erforschung der Manuskriptvermerke in der Refaiya

Ergänzend zur historischen Forschungsperspektive geht die buchhistorische Analyse im Wesentlichen von der einzelnen Handschrift aus. Sie analysiert die zahlreichen sekundären Eintragungen, Kolophone, Glossen, Kollationen, äußeren Merkmale etc., um detaillierte Auskunft über die Biographie der Handschriften und damit auch der Bibliothek zu erhalten.

Folgende Unterteilung nach Arten der Manuskriptvermerke kommt dabei zur Anwendung:

  • Besitzer
  • Stifter
  • Überlieferer
  • Kollationsvermerk
  • Leser
  • Verkäufer
  • Geburtsvermerk
  • Todesvermerk
  • Verschiedenes

Systematisch in einer Datenbank erfasst, können diese oft kurz und unscheinbar wirkenden, meist nur aus Namen und Devotionsformeln bestehenden Notizen, doch erstaunlich viele Fragen beantworten. Welche sozialen Schichten hatten Zugang zu Büchern, welchen materiellen Wert hatten die Handschriften, welche Titel fanden besonderes Interesse, welche Literaturgattungen und Bücher wurden auch von christlichen und jüdischen Lesern genutzt? Nicht zuletzt geben die Einträge auch Aufschluss über Alter und Überlieferung einzelner Handschriften oder, im Fall der Refaiya, die Entwicklung ganzer Bibliotheken.

Die Bucheinbände der Refaiya (in Auswahl)

Die Einband-Datenbank des Refaiya-Projektes ist ein Pilotprojekt, welches erstmalig islamische Bucheinbände im Internet systematisch darstellt und indexiert. Das übergeordnete Ziel dieser Datenbank ist, eine Vergleichsbasis für die Ornamentik der islamischen Bucheinbände zu schaffen und längerfristig eine zeitliche und lokale Einordnung der Bucheinbände zu ermöglichen. Die Klassifizierung und Beschreibung der Ornamente lehnt sich an das Standardwerk von Max Weisweiler (1962) an. Die Datensätze gliedern sich in eine Gesamtbeschreibung und Detailbeschreibungen. Der Gesamteintrag bietet Basisinformationen zum jeweiligen Einband und seiner ornamentalen Ausschmückung im Allgemeinen. Bei den Detailbeschreibungen werden die einzelnen Ornamente der jeweiligen Einbandkomponenten (Vorder-, Rückdeckel, Steg, Klappe, Buchrücken) erfasst. Für die bildliche Präsentation wurden maßstabsgetreue Durchreibungen des gesamten Einbandes sowie der einzelnen Ornamente angefertigt. Der Vorteil von Durchreibungen gegenüber Digitalisaten ist, dass sie die Feinheiten der Ornamentik deutlicher und kontrastreicher zur Geltung bringen. Durch die Verlinkung der Einbandbeschreibungen mit dem Katalogisat der jeweiligen Handschriften, können neben den Durchreibungen auch die Scans der Bucheinbände abgerufen werden.

Die Wasserzeichen

Die Untersuchung von Wasserzeichen auf europäischem Papier, das für die Manuskriptherstellung in die islamischen Länder importiert wurde, ist trotz ihrer kulturgeschichtlichen Relevanz ein bisher wenig beachteter Untersuchungsgegenstand der islamischen Kodikologie. Die systematische Erfassung und Auswertung der vorhandenen Wasserzeichen in der Refaiya-Sammlung will längerfristig einen Beitrag zur Bereitstellung und Dokumentation neuen Belegmaterials auf diesem Gebiet leisten, von der auch die interdisziplinäre Forschung zum ökonomischen, sozialen und kulturellen Umfeld von Papier und dessen Handelswegen profitieren kann.

Als erster Schritt wurden im Projekt anhand weniger datierter Handschriften und einer vorläufigen Motivdurchsicht folgende Fragestellungen beleuchtet:

  • Motivgruppen und Anzahl der Motive in den Handschriften
  • Verhältnis undatierter und datierter Handschriften mit Wasserzeichenpapier
  • Verhältnis der Mischung von verschiedenen Papiersorten in den Handschriften
  • Europäische Produktionsstätten, die Papier in den Vorderen Orient exportierten
  • Wasserzeichen als Datierungshilfe für undatierte Handschriften

Weiterführende Literatur zur Refaiya und den Leipziger Beständen